Ausgewählte Einträge - Gedanken eines Wessis zur DDR


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13.11.2002 - Mittwoch - "BRD / DDR - da braucht's doch noch was"


Mama Carola bemuttert mich (endlich mal jemand *prust*), da ich die DDR nicht kannte. Ok, das stimmt, ich kannte sie nicht.

  Es hört sich jetzt vielleicht blöd an, aber meine einzige Erfahrung mit der DDR war folgende: 1980, im zarten Alter von 18 Jahren, ging mir zuhause auf'm Dorf alles dermaßen auf den Keks, dass ich ins Reisebüro der größeren Nachbarstadt marschierte und mir ein Ticket nach Berlin kaufte. Einfach - ohne Rückfahrt (ich blieb übrigens mehrere Jahre dann in West-Berlin, meldete mich dort an und... aber das ist eine ganz andere Geschichte).

  Jedenfalls stellte das Blondchen in diesem Reisebüro die Bahnkarte aus mit Zielbahnhof Berlin-Friedrichstraße!

  Ich weiß noch, dass ich die DDR im Dunkeln durchfuhr, und die Eindrücke, die ich mit flüchtigen Blicken aus dem Fenster gewann, waren etwas für mich, wie ein Blick in eine andere Welt, als ob ich durch ein Fernrohr Außerirdischen bei ihrer täglichen Routine, die genau, wie die unserige war, zuguckte.

  Bon... kurz vor dem Bahnhof Zoo fragte mich jemand in meinem Abteil, dass ich doch sicher "eine Station weiter" erst aussteigen würde, oder? - So die "Frage". Ich bejahte dies und er meinte, er habe es mir angesehen. - (!) - Ich stamme aus einem Mini-Dorf an der holländischen Grenze, das stimmt, Hinterwäldler, das stimmt sicher auch - aber dass meine damaligen Klamotten und so diese Vermutung... also... das werde ich wohl auch nie vergessen. So groß war also schon damals der Unterschied DDR / BRD gar nicht und schon gar nicht in jedem Detail ;-))

  Egal, weiter... Zwar wunderte ich mich, dass fast alle Leute nun am Bahnhof Zoo ausstiegen, doch nach einem abermaligen Blick auf meine Fahrkarte, beruhigte ich mich wieder (wusste ich schon, dass ich vorsichtig sein musste, da der böse Kommunismus die Insel Berlin umzingelte).

Also wenige Minuten weiter ging die Fahrt. Am Bahnhof Friedrichstraße stutzte ich dann das zweite Mal, denn niemand sonst wollte dort aussteigen. Hm, ich ging zu den Türen und schon hatte ich mein erstes Problem: auf welcher Seite aussteigen? Ok, ich entschied mich für die richtige und stieg ganz alleine als einziger Reisender aus diesen Zug.

  Und jetzt? Überall weiße Linien auf den Boden gemalt, Schilder wie "Achtung, Sie verlassen nun den *So-und-so-Bereich*", "...Schusswaffengebrauch". Ich bin heute noch nicht sicher, ob ich nicht doch den "falschen" Bahnsteig erwischt hatte, denn kein Mensch war weit und breit zu sehen - nur Verbotsschilder noch und nöcher. Ich lief dann nach mehreren Irrwegen einfach in eine U-Bahn-Station (Friedrichstraße) und fuhr zum Bahnhof Zoo.

  Du lachst vielleicht - aber ich Hinterwäldler hatte zwischendurch fast Todesangst erlitten! Und dass am Ende alles so einfach ging, gibt mir heute noch Rätsel auf.

Gut, in den darauffolgenden Jahren in Berlin wurde ich zum erwachsenen Menschen. Wenn ich hin und wieder West-Deutschland besuchte, stand ich bei "DreiLinden" am Autobahnkreuz und trampte rüber (das war "in" in meinen Kreisen damals). Die Grenzkontrollen waren immer harmlos gewesen. Die Bahnfahrt und diese Kontrollen sind meine einzigen Erfahrungen mit der DDR.


  Danke auch an Jörg, der mir per E-Mail einige kurze (und ich habe sie verstanden) Impressionen der DDR mailte. Ja sicher, ich weiß letztebnendes nicht, was aus mir in der DDR geworden wäre, das stimmt. Aber ich habe mir ja auch hier im Westen eine Nische gesucht, wie ich mein Leben anders aber materiell möglich gestalten kann.

  Naja, ich finde das so aufregend und spannend - heute war ein kompletter Tag mit Gedanken und mit Austausch innerdeutsch sozusagen :-))

Ich danke allen dafür!


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 13.11.2002 - Mittwoch - "BRD / DDR - letzte Antworten"


Ok, ich sehe ein, dass es ein Thema ist, zu dem es Millionen einzelner Geschichten gibt und das natürlich nicht abschließend quasi in einer Formel zusammenzufassen ist.

  Im Nachhinein ist es sicher auch relativ einfach das Ende der DDR zu erklären. Seit Mitte der 80er Jahre begann ja erst das, was wir heute als Kommunikations-Revolution bezeichnen. Mit der schlagartigen Veränderung der Medienlandschaft und der Öffnung der SU war es nicht mehr möglich, eine Abschottung vom Rest der Welt aufrecht zu erhalten. Heute gibt es kein Land auf dieser Erde, das sich erfolgreich isolieren könnte. Nur wirtschaftliche Gesichtspunkte sind dafür verantwortlich, dass es noch keine "1-zu-1-Kommunikation" aller Weltbürger gibt (Modem, Netzzugang und Computer sind noch zu teuer), technisch gibt es aber diese Abschottung nicht mehr - also die höchste Mauer oder die schärfste Grenze wäre virtuell in Sekundenschnelle durch einen einfachen binären Code jederzeit zu überwinden.

  Für mich persönlich stelle ich fest, dass höchstwahrscheinlich mein Leben ziemlich gleich verlaufen wäre, wäre ich in der DDR aufgewachsen.

  Gabi sagt es am plausibelsten, indem sie schreibt: "Es kommt ganz viel darauf an wie du bist, wer du bist, wie du zum Leben stehst... und nicht wo du bist."

  Also am Ende gibt es so viele individuelle Faktoren, die das Leben beeinflussen, dass die Frage nach dem "was wäre wenn" eine hypothetische bleiben muss. Aber interessant finde ich es (für mich) schon, darüber mal nachzudenken. Danke, Pia, für diese Anregung.


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 13.11.2002 - Mittwoch - "BRD / DDR - erste Antworten"


Ich glaube, für mich hätte es gar keinen wesentlichen Unterschied gemacht, wäre ich in der DDR aufgewachsen. Das Reisen, ja, aber so viel bedeutet es mir gar nicht. OK, das Verbot, die Mauer, die Grenze - all das hätte mich natürlich gereizt, in Frage zu stellen. Aber ob dadurch mein Lebensweg großartig anders verlaufen wäre, das glaube ich eben nicht. Wenn man mit der Teilung Deutschlands aufwächst ist es sicher etwas ganz anderes, als wenn mitten im Leben die Teilung plötzlich geschaffen wird.

Als Kind sieht man das alles sowieso mit anderen Blickwinkeln. Aus einer Mail:


  Als Kind, habe ich andere natürlich um ihre Westverwandtschaft beneidet und die damit verbunden Geschenke, die da wären:

- Levis (deshalb trage ich heute wahrscheinlich immer welche), Jeans allgemein

- Bücher von H. Hesse (hab jetzt auch alle)

- Kaugummi

- Filzstiftpackungen mit 36 Stiften (hab mir vor zwei Wochen, wieder 'ne 24-er Packung gekauft)

- Schallplatten von Gruppen, die zu der Zeit "ganz oben" waren

- Poster aus der Bravo


Jetzt fällt mir gerade noch etwas anderes ein: Wie wäre die DDR im Zeitalter des Internets?


Fortsetzung folgt...


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Ž 13.11.2002 - Mittwoch - "BRD / DDR"


Pia hat eine interessante Frage gestellt: Was wäre, wenn ich im Westen Deutschlands geboren worden wäre?

  Und ich frage zurück, was wäre, wenn ich im Osten Deutschlands geboren worden wäre?

Musik, Lifestyle, Beruf - ach, jeder Bereich - je mehr Gedanken ich mir darüber mache, je unsicherer kann ich wirklich antworten.

  Mir fällt zu der Frage etwas ganz anderes ein: War in der DDR alles wirklich so schlecht?

Leider habe ich keine 0-8-15-Antwort parat, denn mich nötigt die Frage Pias wirklich sehr zum Nachdenken.


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